Bericht - „Freude hat die Farbe Gelb“

Mit dem Schriftsteller und Journalist Nevfel Cumart hat unsere Schule eine "kreative Schreibwerkstatt" durchgeführt. Dieses Schüler-Projekt hat auch die RAA (Regionale Arbeitsstelle zur Förderung von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien) mitfinanziert.
Fikret Vural von der RAA Mülheim hat einen Bericht darüber geschrieben.

„Freude hat die Farbe Gelb“

Zu Besuch in der kreativen Schreibwerkstatt des Schriftstellers Nevfel Cumart im Schuljahr 2010/11 an der Realschule Stadtmitte in Mülheim

Wenn man den Klassenraum betritt, in dem die kreative Schreibwerkstatt mit Nevfel Cumart stattfindet, hat man das Gefühl, die Schule verlassen zu haben.

Eine ruhige und entspannte Atmosphäre herrscht hier vor. Nevfel Cumart geht ruhig von einem Tisch zum nächsten und redet. Auch seine Stimme ist ruhig, fast bedächtig. "Ihr habt alle Freiheiten", sagt er. "Ihr könnt diese Inspiration von mir als einen Brief umsetzen, als Tagebucheintrag, als ein Gedicht oder als kurzen Prosatext. Ihr könnt alles, was ihr wollt, schreiben. Ihr seid jetzt die Künstler", sagt Nevfel Cumart. Seine dunklen Augen schauen gütig auf die zwanzig Schülerinnen und Schüler, die mit ihm im Raum sitzen - freiwillig. Niemand hat diese Jugendlichen gezwungen, eine Schreibwerkstatt zu besuchen und sich als Literaten zu versuchen. Aus freien Stücken haben sie sich in der Realschule Stadtmitte in Mülheim zu dem Projekt mit Cumart gemeldet. Zwanzig Jugendliche, die offensichtlich Spaß am Schreiben gefunden haben.

Dabei hatten einige von ihnen zunächst großen Respekt vor dem in Bamberg lebenden Lyriker türkischer Herkunft. Doch Cumart ist alles andere als ein strenger Lehrmeister oder ein weltfremder Dichter im Elfenbeinturm. Seine Stärke, das sagen alle Schüler, ist seine Fähigkeit, auf die Jugendlichen einzugehen, sie ernst zu nehmen. Die Schüler fühlen sich bei ihm nicht entblößt, wenn sie mit Worten ihre Wünsche, Träume und Ängste auf Papier bringen und später vor den anderen vortragen. Seine Tipps zum besseren Schreiben, für mehr Kreativität in der Sprache, für genauere Sprache, nehmen die Schüler wohlwollend auf. Wie ein Lehrer wirkt der literarische Lehrmeister auf sie nicht. Eher wie ein guter Freund, der ihnen einen wertvollen Ratschlag gibt.

Cumart gelang es zum Auftakt der dreitägigen Schreibwerkstatt, die Jugendlichen innerhalb kurzer Zeit mit sich zu reißen, als er sich auf lockere Art vorstellte und zur Einstimmung Gedichte aus seinen Büchern vortrug. Danach waren die Jugendlichen dran, unter Cumarts fachmännischer Anleitung eigene Texte zu verfassen. Und da man Inspiration und Kreativität nicht herbei zwingen kann, führt Cumart in jede Schreibübung behutsam ein und bietet auf zum Teil spielerischer Weise einen Zugang zum Schreiben. Im Laufe der drei Tage dauernden Schreibwerkstatt bedient er sich verschiedener Methoden. Angefangen mit einem Meditationsspiel, in dem die Jugendlichen sich in Tiere versetzen und deren Perspektive Texte verfassen, über Parallelgedichte und ausgewählte erste Sätze als Schreibimpulse bis hin zu Anleitungen für Gedichte über Gefühle wie Liebe, Einsamkeit und Sehnsucht reicht das Spektrum des Werkstattleiters.

Nevfel Cumart ist zufrieden mit den Fortschritten, die er mit den Realschülern macht. "Die Kinder sind wirklich voller Elan dabei", sagt er. „Von wegen, die Jugend hat kein Interesse an Literatur, an Lyrik. Wenn man sie richtig abholt, kann man ihr Interesse wecken.“
"Es gibt immer welche, in denen viel Fantasie, viel Kreativität und ein großer Wille zum Schreiben steckt", sagt Cumart. Allein in dieser Schreibwerkstatt sind drei, vier Jugendliche dabei, die ihn beeindrucken, die tiefgründige Verse schreiben, Geschichten, die sofort unter die Haut gehen.“
"Ganz ehrlich, ich weiß nicht, warum die mit diesem Talent noch nicht entdeckt worden sind", sagt er. In seiner Stimme klingt Bedauern, als er das sagt. Immer wieder erlebt er es, dass da Kinder sind, in denen viel Potenzial steckt, das aber zu selten geweckt wird.

Die nächste Aufgabe steht bevor: Die Schüler grübeln, diskutieren, sitzen in kleinen Grüppchen, erstellen einen Cluster-Kreisel und machen sich Gedanken darüber, wie es Menschen geht, die im Leben benachteiligt sind, und was in der Welt so alles passiert, während sie hier sitzen und schreiben. "Was ihr jetzt macht, ist ein wichtiger Schritt in der Literatur", sagt Cumart ruhig. Die Augen der Jugendlichen sind auf ihn gebannt. "Ihr sammelt Einfälle, Gedanken, macht euch Notizen, aus denen dann euer Text entsteht. Vergesst die Rechtschreibung für diesen Augenblick. Schriftsteller dürfen alles, was sie schreiben, durchstreichen, korrigieren und auch zerreißen", sagt Cumart. Alles, was den kreativen Fluss hemmen könnte, wird ausgeblendet. Dann sprudeln die Ideen. Viele Jugendliche haben ihre Gedichte mit dem Titel „Während ich schreibe“ versehen.
"Schreiben hilft den Schülern ungemein, sich über Dinge klar zu werden, auf die innere Stimme zu hören, ihre Gedanken zu ordnen und gezielt darüber nachzudenken, was man will und wohin man will", sagt Cumart. Daher sieht er es auch als seine Verpflichtung an, die Kunst des Schreibens zu bewahren und die Freude daran in den Schreibwerkstätten, die er in ganz Deutschland anbietet, weiter zu vermitteln.

Der Höhepunkt der Schreibwerkstatt an der Realschule Stadtmitte ist der Abend des dritten Tages. Da steht die „Literaturpräsentation“ als Abschluß des Projektes an. Viele Eltern, Lehrer und auch Gäste von Außerhalb der Schule sind gekommen, um den Texten der Jugendlichen zu lauschen. Die meisten Jugendlichen trauen sich auf die Bühne, setzen sich neben den Dichter Cumart und tragen die Texte vor, die sie in den vergangenen drei Tagen verfasst haben. Auch wenn die meisten von ihnen sehr aufgeregt sind, glänzen viele Gesichter voller Stolz über den absolvierten Auftritt vor so großem Publikum in der Mensa der Realschule.

„Die Ergebnisse der kreativen Schreibwerkstatt sollen nicht fertige literarische Kunstwerke sein, sondern Vertrauen in das eigene Können schaffen. Mit der Schreibwerkstatt will ich auch die Freude der Jugendlichen am Schreiben von eigenen Texten wecken“, beschreibt Cumart sein Ziel. Dass er sein Ziel erreicht hat und die Schreibwerkstatt bei den Schülern sehr gut angekommen ist, beweisen die vielen begeisterten Rückmeldungen der Schüler. Und dass einige richtig Feuer gefangen haben für das Schreiben, geben sie offen zu. "Es ist auf einmal alles nicht so stressig, und das Schreiben bringt mir jetzt auch Spaß", sagt Vivien Nowak. Deutlich mehr Spaß als im normalen Schulunterricht. Das eine oder andere Gedicht wollen die Schüler künftig schreiben - nur für sich und ihre Freunde. Und Bücher, so sagen sie, werden sie jetzt wohl auch öfter lesen.

Fikret Vural, RAA Mülheim